Sep 302013
 
Sie schleicht sich an, bleibt im Hintergrund, wartet auf ihre Chance...und killt. Wahnsinnige Wildkatze.

Sie schleicht sich an, bleibt im Hintergrund, wartet auf ihre Chance…und killt. Wahnsinnige Wildkatze.

 

Silent Assasins. Das sind lautlose Killer, die man erst bemerkt, wenn es schon zu spät ist.

Wenn ich die Triumph Tiger mit einer Methode, um jemanden zur Strecke zu bringen, vergleichen müsste, dann wäre es etwas Sanftes, fast Zärtliches. Ohne Schlagen, Beißen, Kratzen, Würgen oder anderer, ordinärer Gewaltanwendung. Vielleicht ein bisschen von einer Vergiftung, oder ein wenig von einem Schnitt mit der Rasierklinge im Vorbeigehen. Das Opfer merkt es kaum, schon ist es erledigt. Ssssssssch. So wie es die Tiger mit ihren Gegnern macht. Die 800er Enduro aus Hinckley wurde von den Briten nicht in den Ring geschickt, um sich nur mit dem Klassenprimus BMW F 800 GS anzulegen (aus welchem Duell sie mit einem Unentschieden ausgestiegen ist), sondern scheinbar auch, um allen anderen potentiellen Gegnern die Reißzähne zu zeigen. Und auf öffentlichen Straßen kann mit einem Kaffeelöffel (wegen des Koffeins) Phantasie und einer Messerspitze Aggression jeder zum Gegner werden.

Die Tiger ist ein Allesfresser

Was schlecht für die Gegner ist, denn die Tiger ist ein Allesfresser par excellence. Was übrigens nicht nur die Opfer, sondern auch der Täter nicht vermuten würde. Wer als unbescholtener Bürger auf der Tiger Platz nimmt und ohne böse Absichten durch den Schwarzwald wildert, der steigt mit großer Wahrscheinlichkeit als Massenmörder wieder ab. Überholt: 89 Überholt worden: 0

Homogene Kraftentfaltung vermittelt Ruhe im Sturm

Immer stramm, nie bissig. Das Drehzahlband bleibt gespannt.

Immer stramm, nie bissig. Das Drehzahlband bleibt gespannt.

Die Tiger fand sich diesmal inmitten scheinbar übermächtiger Kontrahenten. Die Sportmotorrad-zeitschrift PS wollte aus einer Auswahl von 8 Motorrädern verschiedenster Bauart das beste Straßenmotorrad herausfinden. Mit dabei Großkaliber wie Ducati Multistrada, KTM 990SM-T, Yamaha R1, BMW K 1300 R oder Kawasaki Z1000SX. Da war die Tiger mit ihren 95 PS, von denen 82 auf dem Hinterrad übrig bleiben (gemessen von MOTORRAD) und satten 210 kg vollgetankt auf dem Papier haushoch unterlegen. Auch wenn wir nach den ersten Testfahrten Fahrwerk und Geometrie bereits ein sehr gutes Zeugnis ausstellen konnten, so glaubten wir nicht, dass die 43 mm Upside-Down Gabel und das in der Federbasis einstellbare Zentralfederbein diesen Krieg gewinnen könnten, ohne die volle Unterstützung des Dreizylinders.

ABS solide, Bremsen ausreichend. So überfordert man wenigstens nicht den Pirelli Scorpion.

ABS solide, Bremsen ausreichend. So überfordert man wenigstens nicht den Pirelli Scorpion.

Beschleunigungsduelle mit der BMW F 800 GS, die von einem Parallel-Twin angetrieben wird, haben gezeigt, dass die Tiger absolut gleich auf mit der Bayerin ist, obwohl sich die BMW während der Fahrt subjektiv stärker anfühlte. Dass die Tiger Potential hat, war also von Anfang an klar, aber wieviel Potential, sollte sich erst im Vergleich mit PS-Schwergewichtern zeigen. Die überaus geschmeidige und homogene Kraftentfaltung des Dreizylinders vermittelt ein Gefühl der Ruhe und Gelassenheit, während bereits ein tosender Sturm tobt. Die Gänge lassen sich schön gleichmäßig ausdrehen, wobei der Motor natürlich etwas Drehzahl braucht, um in die Gänge zu kommen. Schade ist beim munteren Übersetzungswechsel, dass das Getriebe etwas hakelig ist.

Es war Liebe auf den zweiten Blick

Klassische Hinterradschwinge

Klassische Hinterradschwinge

Die gleichmäßig abgegebene Leistung wirkt sich natürlich auch auf die Art des Fahrens aus. Die Tiger fährt nicht von selbst als Erste durchs Ziel. Wer vorne sein will, der muss sie schon flott in die Kurve eintauchen und mit Schwung wieder raussprinten lassen. Und dabei sollte man sehr gut auf den Pirelli Scorpion horchen, der in der Dimension 100/90-19 seine Mühe hat, den Grip und die Kommunikation mit dem Fahrer aufrecht zu halten. Bitte nicht falsch verstehen, wir sprechen hier von sehr engagierter Fahrweise. Dass die Bremsen (308 mm Doppelscheibe) nicht ganz so forsch zubeißt, kommt einem auf diesem Motorrad eher entgegen, es passt sogar zur Geschmeidigkeit. Zur Not bleibt das ABS, das solide und pflichtbewusst arbeitet.

Geschmeidigkeit ist oberstes Prinzip ihrer Dynamik

Nachgerüstete Heizgriffe sind nie sehr sexy, aber trotzdem warm.

Nachgerüstete Heizgriffe sind nie sehr sexy, aber trotzdem warm.

Scheint so, als hätte Triumph ein Motorrad gebaut, das den am stärksten ausgeprägten Charakterzug bei Wildkatzen – die Geschmeidigkeit – zum obersten Prinzip seiner Dynamik gemacht hat. Die Tiger ist elegant, beherrscht und überlegt im Einsetzen ihrer Kraft. Während sich andere vor der Kurve zusammenbremsen, um die zuvor überflüssig aufgenommene Geschwindigkeit wieder abzubauen, lässt sie einfach laufen, reguliert etwas und konzentriert sich lieber auf die richtige Linie, die sie stabil halten kann. Wenn dann das Rudel am Kurvenausgang wieder voll einnietet, legt auch die Tiger einen Zahn zu und lauert dabei schon auf die nächste Kurve. Vorbeigehen ist nur eine Frage der Zeit. Die Tiger beißt nicht von alleine zu, man muss sie schon ein wenig reizen, aber wenn man weiß, was man tut und mit der nötigen Vorsicht, kann man fast alles erlegen. Wie ein stiller Angreifer.

Selbst angreifen! Die Triumph Tiger probefahren.

Selbst angreifen! Die Triumph Tiger probefahren

Selbst angreifen! Die Triumph Tiger probefahren

 
Mit freundlicher Genehmigung von 1000ps.at Link zum Originalartikel: Triumph Tiger 800 – Straßentest
 

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